Mensch und Moor im Land Kehdingen

Als unheimliche Wildnis, in der Nebelgeister mit Irrlichtern die Menschen in tückische Sümpfe lockten und giftige Schlangen lauerten, galten die Moore über Jahrtausende. Selbst die Kartographen der Kurhannoverschen Landesaufnahme machten 1767 noch einen Bogen um das Kehdinger Moor. Erst ab dem 19. Jahrhundert, als Naturwissenschaften und Ingenieurskunst erlaubten, unzugängliche Landschaften zu erobern, begann die königlich angeordnete Moorkultur auch im Land Kehdingen.

Die Torfstecher – Historische Moornutzung

Es gibt allerdings Hinweise, dass die Menschen im Norden Germaniens bereits vor 2000 Jahren Torf gestochen haben. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere schreibt 50 Jahre nach Christi Geburt in seiner Naturalis historie: „Den mit der Hände Arbeit gewonnenen Torf trocknen sie mehr durch den Wind als durch die Sonne und wärmen mit dieser Erdart ihre Speisen und den vom Nordwind steifen Leib“.

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Plinius‘ „Naturalis histora“ in einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert (Biblioteca Medicea Laurenziana)

Vor allem in waldarmen Gebieten und in Krisenzeiten wurde Torf über Jahrtausende als Brenntorf gestochen. Weißtorf fand weiterhin als Einstreu in den Viehställen der Moorbauern Verwendung. Mit einem messerscharfen Torfspaten wurden gleichmäßige Torfsoden aus der Torfbank geschnitten. 8.000 Torfsoden wurden einem Tag von drei Männern gestochen.  

Landwirtschaft  im Kehdinger Moor

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Hofstelle am Kehdinger Moorrand in den 1920er Jahren

Vor etwa 250 Jahren begannen Landarbeiter, die am Rande des Moores siedelten, unter allergrößten Mühen die Moorflächen zu kultivieren. „Dem ersten sein Tod, dem zweiten seine Not, dem dritten sein Brot“ – dieser Spruch der Moorbesiedler beschreibt die unendlichen Mühen, die vor der landwirtschaftlichen Nutzung eines Hochmoores standen, bevor Maschinen und Mineraldünger zur Verfügung standen. Erst in der dritten Generation konnte der Hof Gewinn bringend betrieben werden und die Ernährung der Familie sicherstellen.

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Hofstelle am Kehdinger Moorrand in den 1920er Jahren

Heute werden 90 Prozent der ursprünglichen Moorfläche in Kehdingen landwirtschaftlich genutzt. Dank moderner Mineraldünger können Nährstoffarmut und der extreme Säuregrad des Bodens heute zu Gunsten guter Erträge ausgeglichen werden. Durch die weitere Kultivierung von Moorflächen und den Zukauf von Nachbarflächen sind moderne landwirtschaftliche Betriebe entstanden, die unabhängig von den Marschenhöfen wirtschaften. Meist handelt es sich um Milchviehbetriebe. Die Flächen dieser Höfe werden überwiegend als Intensivgrünland zur Silagegewinnung oder als Weide , zunehmend auch für den Maisanbau genutzt. Die intensive Nutzung der Moorflächen gelingt nur dank moderner Schöpfwerke, der unterirdischen Entwässerung über Drainagerohre und der Kalkung und Düngung der ehemaligen Hochmoore.

Ökologische Probleme der intensiven Nutzung

Die intensive Bewirtschaftung der Moorflächen bleibt nicht ohne ökologische Auswirkungen über das Kehdinger Moor hinaus. Durch die intensive Entwässerung, die Kalkung und Düngung der Torfböden verlieren sie ihren natürlichen Schutz, der sie vor der Verrottung bewahrt. So können Bakterien und Pilze die Torfauflage zersetzen. Jedes Jahr gehen ein bis vier Zentimeter des Torfbodens auf intensiv genutzten Grünland- bzw. Ackerflächen durch Zersetzung des Torfes verloren. Dies führt zu erheblichen Emissionen klimaschädigender Gase wie Kohlendioxid und Lachgas (Distickstoffmonoxid). Zuvor gebundene Nährstoffe gelangen außerdem über die Entwässerung (Vorfluter) in Elbe und Oste und belasten auch letztlich auch das ökologische System der Nordsee.

Industrieller Torfabbau

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Bagger beim Torfabbau im Aschhorner Moor, Foto: Hajo Schaffhäuser

Der industrielle Torfabbau begann auch im Kehdinger Moor Mitte des 20. Jahrhunderts und wird auch in den nächsten Jahrzehnten noch eine von Bedeutung sein. Im Aschhorner Moor/Königsmoor haben 1991 das Euflor-Humuswerk (heute Teil der Stender AG) den Torfabbau übernommen.  Mit knapp 20 Mitarbeitern wird hier maschinell Schwarz- und Weißtorf (mit Text Torfabbau praktisch verlinken) abgebaut und zur Herstellung von Pflanzsubstraten an den Firmensitz in Nordrhein-Westfalen transportiert. Die Abbaufläche in Aschhorn beläuft sich auf rund 140 Hektar das entspricht 115.000 Kubikmeter Torf (Stand 2018). Die nach vielen Jahren abgetorften Bereich, müssen schließlich vom Entwässerungssystem abgedämmt und zur Renaturierung wieder vernässt werden. So schreiben es die Genehmigungen der Naturschutzbehörde vor. Zurzeit befinden sich im Aschhorner Moor rund 500 Hektar in der Wiedervernässung. Erst der Torfabbau auf bis dahin intensiv landwirtschaftlich genutztem Grünland ermöglicht die Wiedervernässung und in fernen Zukunft wieder Torfmoos-Wachstum in einer neue entstandenen Wildnis – ein wichtiger Beitrag für den Klimaschutz.  

Infokasten Frühe Moorgeschichte

Die Archäologen können mit drei bemerkenswerten archäologische Funden im Bereich des Kehdinger Moores aufwarten.  

Vier Großsteingräber bei Hammah,

zwischen 3500 und 2800 v. Chr. entstandene Megalithanlagen der jungsteinzeitlichen Trichterbecherkultur, sind an der Verbindungsstraße von Hammah nach Groß Sterneberg zu besichtigen. Sie waren bei der Trockenlegung und Kultivierung des Moores an dessen südlichen Rand während des Ersten Weltkrieges entdeckt worden. Als sie auf einer flachen, sandigen Geländekuppe errichtet worden waren, schauten die Menschen von dort noch auf ein Niedermoor. Die Bildung des Hochmoors hatte noch nicht eingesetzt und die Nekropole wurde erst hunderte Jahre später von Torfmoosen überwachsen.  

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Steingrab bei Groß Sterneberg, Foto: Christian Schmidt

Der Mann von Obenaltendorf

1895 wurde im Kehdinger Moor bei Obenaltendorf in der Nähe von Osten eine männliche Moorleiche von Torfstechern entdeckt. Diese informierten den Dorfschullehrer, der die Fundstelle sicherte und den Körper, Schmuck und Kleidungsstücke barg. Der Mann mittleren Alters lebte um 100 nach Christus. Er trug gewebte Kleidung und lederne Sandalen. Über die Todesursache dieses Mannes ist nichts bekannt. Zeichen eines gewaltsamen Todes – häufig wurden Menschen im Moor hingerichtet – konnten nicht entdeckt werden. Die Überreste dieser Moorleiche sind heute im Museum Schwedenspeicher in Stade zu besichtigen. Foto: Vitirine mit dem Originalfund des Mannes von Obenaltendorf im Stader Museum Schwedenspeicher. Bild: Rekonstruktion des Toten von Obenaltendorf (1895 Hans Hahne Public domain)  

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Vitirine mit dem Originalfund des Mannes von Obenaltendorf im Stader Museum Schwedenspeicher.


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Rekonstruktion des Toten von Obenaltendorf (1895 Hans Hahne Public domain)

Die Fibel von Dösemoor

In der Siedlung Dösemoor bei Wischhafen-Hamelwörden (Samtgemeinde Nordkehdingen) wurde 1890 beim Torfstechen eine gleicharmige Kerbschnittfibel aus dem 6. Jahrhundert gefunden. Das in Silber gegossene und vergoldete Schmuckstück gilt als seltenes Beispiel frühsächsischer Tierornamentik. Es wird als Hinweis die Wanderung von Sachsen über das Niederelbegebiet auf die britischen Inseln gedeutet. Sie stammt aus der gleichen Gussform wie ein in Little Wilbraham in England gefundenes Exemplar. Ausgestellt ist die Fibel im Museum Schwedenspeicher in Stade.

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Fibel von Dösemoor, Museum Schwedenspeicher

Vor 14.000 Jahren – die Kehdinger Marsch entsteht

Die Entstehung des Kehdinger Moores geht auf die letzte Eiszeit zurück. Vor 14.000 Jahren waren die Gletscher der letzten Eiszeit in Norddeutschland abgeschmolzen. Die Wassermassen formten das Elbe-Urstromtal, der Mee­resspiegel stieg deutlich an. Mit nachlassendem Schmelzwasserabfluss entstanden verschie­dene Rinnen – Oste und Elbe bildeten auch im Unterlauf getrennte Flussläufe. Es kam daher im tidebe­einflussten Bereich der Kehdinger Halbinsel häufig zu Überschwemmungen. Die Sturmflu­ten der Nordsee rissen einerseits tiefe Rinnen in den Untergrund (Priele und Ne­benelben), hinter­ließen aber ande­rerseits eine ge­waltige Fracht an Schwebstoffen. Sande, Tone und orga­nische Teilchen wurden vor allem im Bereich der Ufer abgelagert. Diese Sedimente bildeten die heutige Kehdinger Marsch mit ei­ner Mächtigkeit von bis zu 18 Metern.

Vor 7.000 Jahren – unter Schilfwäldern bildet sich ein Niedermoor

Zwischen den Uferwällen von Elbe und Oste liegt das Sietland – eine abflusslose Senke, in der sich Nie­derschlagswasser, das Süß- und Brackwasser nach Sturmfluten und das Hangquellwasser der Geest im Süden stauten. Der Wasserstand war recht niedrig und das Nähr­stoffangebot sehr hoch. Es entstan­den daher weite Schilfröhrichte im mittleren und südlichen Teil. Im Norden förderte der Salzgehalt des Wassers das Wachstum der Meer­strandsimse. Auf Grund der dauern­den Staunässe wurden abgestor­bene Schilfwurzeln nicht zersetzt und es entstand in der Zeit von 5.000 bis 2000 V. Chr. eine Schilf­torfschicht von bis zu drei Metern Mächtigkeit. Die Perioden der Niedermoorbildung wurden immer wieder durch Zeiten der Überschlickung abgelöst. Man erkennt im geologischen Schnitt daher ei­nen Wechsel von Niedermoor- und Marschschichten.

Moorkieker-Scout

  • Euflor-Torfwerk Infrastruktur
  • Torfabbau- und Lagerflächen in verschiedenen Stadien
  • Moorrand mit Intensivgrünland und Viehhaltung
  • Entwässerungeinrichtung Richtung Seelauf/Moorrönne
  • Hof Moorwerben
  • Vernässungsflächen
  • Die Scheidung
  • Moorreliefs vom Turm aus gesehen

Bitte beachten Sie:

Beobachtungen in Natur und Landschaft sind von Jahreszeit, Wetter und anderen Faktoren abhängig. Eine Garantie, hier genannte Arten bei einem Ausflug zu sehen, besteht natürlicherweise nicht!